Die Geschichte mit Leon: Wie funktioniert das Normal- und das Notprogramm?

Leon hat bis er dreieinhalb Jahre alt war mit seiner psychisch kranken Mutter gelebt. Sie konnte ihm nicht die regelmäßige emotionale Zuwendung und manchmal auch nicht genug Nahrung geben. Leon war noch zu klein und hilflos und in diesen Situationen hat sein Körper (sprich: sein Gehirn) immer wieder das Notprogramm aktivieren müssen. Dies war für sein Überleben existentiell wichtig.

Später kam er erst in eine Bereitschaftspflegefamilie und dann noch in eine Klinik. Fast fünfjährig kam er in die Gruppe, in der er jetzt auch noch lebt und in der er sowohl kontinuierliche Zuwendung wie auch regelmäßiges Essen bekommt.

Leons Körper hat gelernt, dass er in Situationen, die ihn an die frühere Not erinnern könnten, „abschaltet“. Er dissoziiert und geht bei Gefahr nach Innen weg: er nimmt die Außenwelt nicht mehr wahr und schützt sich auch vor dem Wiedererleben. Manchmal vermeidet er auch Situationen, die ihn an damals erinnern könnten: zum Beispiel möchte er nicht bei Freunden übernachten, weil er nicht weiß, wann dessen Familie was zu Abend isst – und ob es dort genug zu essen für ihn gibt. Das passiert alles ganz unbewusst, ohne dass Leon das so beschreiben könnte.

Außerdem ist es in der Schule, oft nach der großen Pause, für Leon auch notwendig, dass er „nach Innen abhaut“. Er ruht sich sozusagen ein bisschen aus, weil ihn die große Pause immer wieder besonders stresst. In der Pause steht er alleine am Schulhofrand und weiß nicht, wie er es bewerkstelligen kann, dass er mit seinen Klassenkameraden Fußball spielen darf. Er fühlt sich wieder ähnlich einsam wie damals, er will so gerne dazu gehören und schafft es nicht.
Das Gefühl des Alleinseins ist in diesem Moment der Trigger, der das Notprogramm anschaltet: entweder erlebt Leon wieder die Situation von früher – oder er schaltet ab, indem er dissoziiert. In beiden Fällen bekommt er dann nicht mit, dass Herr Meier, der Mathelehrer, nach der Pause den Test für morgen ankündigt. Oder Frau Schmitz, die Klassenlehrerin, nach der Pause darum bittet, dass die Kinder morgen fünf Euro für den Ausflug mitbringen sollen.
Später, wenn Leons Notprogramm sich beruhigt hat, taucht er mit seinem Bewusstsein wieder auf, er ist wieder ganz da und kann dem Unterricht folgen. Er weiß leider nicht, dass er etwas verpasst hat und Mathelehrer oder Klassenlehrerin haben auch nicht mitbekommen, dass Leon gar nicht wirklich anwesend war. Er saß ja auf seinem Stuhl, nur dass er etwas verträumt schaute, aber das tut Leon ja öfters. Der Ärger oder der schlechte Mathetest ist damit vorprogrammiert, denn schon zu oft hat er Dinge „vergessen“, die er erledigen sollte und Mathe ist Leons schlechtestes Fach.

Nachmittags nach einem blöden Tag in der Schule setzt sich ein Betreuer aus der Heimgruppe zu Leon und erklärt ihm wie Leon bei innerem Stress reagiert. Das ist wichtig für Leon, weil er sich selbst nicht versteht und es ihn zusätzlich durcheinander macht, wenn er spürt, dass er anders ist als andere Kinder und er sich das nicht erklären kann. Leon denkt sogar, dass er dumm ist, obwohl die Erwachsenen oft sagen, dass er ein kluger, pfiffiger Junge sei. Manchmal macht er sich Sorgen, dass er auch krank ist, wie seine leibliche Mutter. Aber Leon ist weder doof, noch dumm, noch ein Alien – sein Verhalten hat einen guten Grund. Sein Körper reagiert auf eine bestimmte Situation wie früher, als er ein Kleinkind war. Oder es werden seine Überlebensstrategien angeregt, in diesen Situationen die Führung zu übernehmen.

Der Betreuer nimmt die Wendepuppe Paul(a) in die Hand und stellt Leon den Jungen namens Paul (den Denker) vor. Paul hat ein Zepter in der Hand. Das heisst, Paul steuert sich selbst, spürt sich und ist mit seiner Aufmerksamkeit ganz da. Außerdem kann er besonders gut denken, denn Paul steht für den Teil im Gehirn, der dafür zuständig ist. So geht es auch Leon ganz oft, wenn er keinen inneren Stress hat, zum Beispiel nachmittags, wenn er in seinem Zimmer spielt.
Unter der Hülle von Paul ist der Leuchtturm und das Gecko versteckt. Paul und auch Leon nehmen beides gar nicht bewusst war, wenn der Denker mit dem Zepter in der Hand regiert. Alles funktioniert und beide können sogar Mathe ganz gut folgen, sich an aktuelle Dinge gut erinnern, lachen oder sich streiten – es sind eben ganz normale Jungen.

Wenn Leon in Stress kommt, weil er zum Beispiel Angst hat, bei seinem Freund zu übernachten oder weil er unbewusst Angst hat, nicht genug zu Essen zu bekommen oder weil er alleine am Pausenhofrand steht und das Gefühl hat, nicht dazu zu gehören, dann springt sein Notfallprogramm an.
Der Betreuer nimmt die Puppe, stülpt mit einer schnellen Bewegung die Hülle über den Jungen und zum Vorschein kommt der Leuchtturm mit einem Gecko. Der Leuchtturm ist der Teil in seinem Gehirn, der für Alarm steht. Dieser wird aktiv, wenn Leons Körper sich bewusst oder unbewusst an etwas Belastendes von früher erinnert. Der Körper sagt dann „Angst!“ oder „Vorsicht!“ und schützt Leon, damit er das nicht mehr fühlen muss. Das funktioniert, indem Leuchtturm und Gecko das Zepter in die Hand nehmen und Paul (=Leon), den Denker abschalten (oder hier unter der Hülle verstecken).
Damals passiert der Zustand, als es ihm ganz schlecht ging, weil er zu lange großen Hunger hatte und ganz alleine war. Heute passiert das, weil Leons Körper das Gefühl von Jetzt-Stress mit dem alten Gefühl von Angst in Verbindung bringt. Leons (=Pauls) Leuchtturm und Gecko übernehmen die Führung automatisch, ohne dass er es bewusst merkt oder etwas dagegen tun kann. Bei Leon bedeutet das oft, dass er „nach innen abhaut“ und so weit weg ist, dass er nicht mitbekommt, was „draußen“ besprochen wird oder passiert. Erst wenn sein Körper wieder „sicherer“ ist und sich das Gefühl von damals wieder beruhigt hat, kann Paul, der Denker wieder auftauchen und das Zepter übernehmen. Leon weiß nicht, dass er eine zeitlang nicht das Zepter hatte und selbst unter der Hülle verschwunden war.

Der Betreuer kann Leon mit der Puppe zeigen, wie sein Gehirn ihn schützt, wenn er in Stress kommt. Und Leon kann sehen, dass der Teil, der alles erinnert und der Denker ist, dann nicht die Führung hat und unter der Hülle verschwunden war.
Wie kann sich Leon an die fünf Euro oder den Mathetest erinnern, wenn der „Denker“ in ihm gerade unter der Hülle verschwunden ist und Leuchtturm und Gecko die Führung haben? Das ist schön zu sehen, wenn der Betreuer immer wieder die Puppe dreht und mit Leon sich Situationen anschaut, wo er, der „Denker“ das Zepter in der Hand hat und die anderen Teile in ihm, die für Gefühl, Sprache, Speicherung von Informationen und Vieles mehr zuständig ist, im Stillen funktionieren. Und auch die andere Situation, wenn „Paul, der Denker“ verschwindet und der Alarm mit dem lebenswichtigen Funktionen (das Gecko) das Zepter in der Hand hat.

Für Leon ist besonders wichtig zu verstehen, dass der Wechsel und somit das „Notprogramm“ mit früher zusammen hängt und der Körper ihn schützen will, auch wenn er heute den Schutz gar nicht mehr in der Form braucht.

Gemeinsam können der Betreuer und Paul Schritt für Schritt überlegen, was er tun kann, um weniger in diese Situationen zu kommen bzw. wie er es schaffen kann, „da“ zu bleiben.