Leas Mutter war 16 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Ihr Vater war deutlich älter und gegenüber ihrer schwangeren Mutter immer wieder gewalttätig. Ihre Mutter wollte unbedingt eine Beziehung mit ihrem Vater behalten und hat deshalb Lea direkt nach der Geburt abgegeben. Kurz bevor Lea in ihre jetzige Familie kam, überlegte es sich ihre leibliche Mutter noch einmal und nahm sie für drei Wochen zu sich in die Mutter-Kind-Einrichtung, in der sie damals lebte. Als es doch nicht ging, kam Lea in die Bereitschaftsfamilie, bis eine passende Pflegefamilie für sie gefunden wurde. In der Bereitschaftsfamilie und auch später in ihrer Pflegefamilie bekam Lea alles, was sie brauchte, um sich körperlich und seelisch gut zu entwickeln.

Lea ist inzwischen 11 Jahre alt. Sie hat immer noch Angst vor (körperlicher) Nähe und kann es nicht gut aushalten, wenn es besonders gut ist und alle sich freuen. In ihrer Familie fühlt sie sich oft wie am Rande, manchmal auch nicht richtig dazu gehörend, obwohl ihre Pflegeeltern sie bereits in den ersten Tagen fest ins Herz geschlossen haben und beständig lieben. Lea besucht seit kurzem die Realschule und ist in zwei Vereinen aktiv. Sie hat keine „richtige“ Freundin, aber viele Bekannte. Immer wenn sie mal bei der Familie ihrer Handballfreundin war, bei der es sehr herzlich und laut zu geht, ist beim nach hause kommen der Druck der Pflegemutter weh zu tun, besonders stark. Sie hat dann Impulsdurchbrüche und beschimpft ihre Pflegemutter wüst und grob.

Die Pflegemutter macht sich Sorgen, weil das Verhalten immer schlimmer wird und sie nicht versteht, warum Lea nach all den Jahren immer noch so unsicher in der Familie ist. Die Beraterin der Pflegefamilie erklärt der Pflegemutter in einem Gespräch, was das Gehirn bei einer Traumatisierung macht. Denn Trauma kennt keine Zeit!

Es ist wichtig, dass die Pflegemutter weiß, dass seelische Verletzungen, wie Lea sie erlebt hat, existentiell waren und dass sie vermutlich schon pränatal und als Säugling Traumatisierungen erlebt hat, die bis heute sich auf Leas Verhaltensweisen auswirken.

Die Beraterin nimmt die Puppe Paul(a) und zeigt der Pflegemutter die Seite mit dem Mädchen. Das Mädchen Paula steht für die Denkerin und den Neokortex im Gehirn. Normalerweise ist dieser Teil auch schon bei sehr kleinen Kindern aktiv und hat das Zepter in der Hand. Das heißt, ein sicher gebundenes Kind fühlt, dass Menschen verlässlich und gut zu ihm sind. Es hat eine Vorstellung davon, dass die Welt sinnvoll und geordnet ist und es körperlich unversehrt groß werden darf. Das Kind hat dann eine positive Selbstsicht und eine positive Selbstwahrnehmung.

Lea hat ihre Mutter nicht als verlässlich erlebt und konnte nicht mit der Gewissheit aufwachsen, dass sie mit den basalen wichtigen Dingen gut versorgt wird. Um die seelischen Verletzungen zu überleben, hat bei Lea schon sehr früh das Notprogramm wirken müssen. Nur durch das Notprogramm konnte Lea überhaupt überleben und bei ihr war bis sie zur Pflegefamilie kam, das Notprogramm wie das Normalprogramm: Lea musste immer in Alarmbereitschaft sein um das was kommt, zu überleben.

Die Beraterin dreht jetzt die Puppe auf den Kopf, Paula ist unter der Hülle verschwunden und wir sehen den Leuchtturm und das Gecko. Leas Organismus hat immer wieder im Fluchtreflex reagiert, sie hat laut geweint und irgendwann war sie auch still, weil ihr Weinen kein Gehör bei der leiblichen Mutter finden konnte. Wenn ein Körper in Alarmbereitschaft geht, wird der ganze Organismus auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Die Atmung beschleunigt sich, der Blutdruck geht hoch, die Pupillen werden weit, die Verdauung wird eingestellt, das Immunsystem runtergefahren: alles ist bereit. Gleichzeitig entlädt der Körper immer wieder, fährt ganz zurück. Dieser Prozess passiert in schneller Geschwindigkeit hoch und runter und man spricht von einer Unter- und einer Überkoppelung.
Lea hat gelernt, entweder extrem geöffnet oder extrem dicht zu sein – das normale Mittelmaß ist ihr eher fremd. Während der Alarmbereitschaft sorgen Hormone wie Adrenalin dafür, dass Lea ganz mobil ist, gleichzeitig nicht so viel körperlichen Schmerz spürte – und sie auch nur einen Teil ihrer Umwelt sehen kann, wie in einem Tunnelblick.
Lea war noch zu klein um sich erinnern zu können, aber selbst wenn sie älter gewesen wäre: beim Notprogramm wird der Neokortex abgekoppelt, oft auch der Hippocampus, der wie ein Arbeitsspreicher dafür sorgt, dass wir uns das Erlebte narrativ einordnen, episodisch wiedergeben und in einen zeitlichen Ablauf bringen können. Dazu ist der Hippocampus normalerweise in guter Verbindung mit dem Sprachzentrum. Beim Notprogramm, wenn der Leuchtturm und das Gecko die Führung übernehmen, wird alles deaktiviert, was in diesem Moment nicht gebraucht wird. Es ist äußerste Gefahr – deshalb ist der Neokortex unter der Hülle verschwunden.

Der Leuchtturm steht für die Amygdala, die den Alarm auslöst und in Verbindung mit dem Gecko alles für das Überleben tut. Dort wird auch das Geschehene gespeichert, nur ganz anders als normalerweise. Es wird fragmentiert gespeichert, in vielen einzelnen Bruchstücken und er ist auch nicht in einer Abfolge festgehalten, sondern zeitlos nebeneinander stehend. Oft ist auch das Sprachzentrum abgekoppelt, so dass es keine Worte für das Geschehene gibt.

Wenn Lea wieder zu Hause ankommt und längere Zeit sich sehr zusammen nehmen muss, wirkt die Pflegemutter wie ein Ventil, an dem sich Leas Stau entlädt. Das ist für Lea und ihre Pflegemutter sehr anstrengend. Ganz oft sagt Lea später, wenn sie sich wieder versöhnt haben, dass sie die Pflegemutter ja gar nicht meint, aber dann gar nicht anders kann.

Die Beraterin ist fest davon überzeugt, dass Lea immer mit gutem Grund handelt und nicht, weil sie die Pflegemutter bewusst ärgern will. Ihr Verhalten zeigt, dass sie massiv überfordert ist, wenn sie zum Beispiel „die Welten wechselt“.

Wenn Leas (Paulas) Notprogramm sich wieder beruhigt hat, kann die Puppe wieder zurückdrehen und Paula, das Puppenmädchen übernimmt wieder das Zepter für ihr Leben. Unter der Hülle funktioniert das Normalprogramm wieder im Unbewussten und Lea hat wieder das Zepter ihres Lebens in der Hand.

Beraterin und Pflegemutter können mit Hilfe der Wendepuppe Neurobiologie und die Funktionsweise des vegetativen Nervensystems ins alltägliche Leben mit Lea übersetzen und damit der Pflegemutter helfen, Leas Verhalten besser zu verstehen. Mit Hilfe der Puppe könnten die beiden Ideen entwickeln, wann, durch was und wie das Notprogramm (die Überlebensstrategien) bei Lea aktiviert werden. Daraus könnten sie entwickeln, was Lea konkret helfen könnte und damit auch die das ohnmächtige Gefühl und die Hilflosigkeit der Pflegemutter verändern.